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"Du sollst Deinen Kindern
Flügel und Wurzeln mitgeben"
- Goethe -
Auf einem Schloß hoch über dem Main, romantisch und Jahrhunderte alt, wurde ich in der Sturmnacht des 14. November in
eine säbelrasselnde Welt geboren. Just in dem Jahr, in dem ein
Dämon deutscher Staatsbürger wurde: 1932 ...
Alles war uralt auf Schloß Mainberg, nur unsere Familie war neu.
Drei Jahre lebte ich als junger Prinz auf diesem Schloß. Ich nehme an, daß mir das gut gefiel, immerhin besaß unser Spielzimmer, der alte Rittersaal, Turnhallen-Dimensionen. Meiner Mutter gefiel das alles weniger, sie verließ Schloß und Reiter,
ohne weiße Kutsche aber mit Bruder Kronprinz und mir, und zog nach Wiesbaden zu ihren Eltern, Oma Martha und Opa Wilhelm von Opel...
Das Scheidungsurteil, das in einem beschleunigten Verfahren gesprochen wurde, besagte, dass Vater Willy und nicht Mutter Opel das Sorgerecht für uns Kinder hätte. Mutter gab daraufhin dem 'Rüsselsheimer Tagblatt' ein Interview, worin sie sich Luft machte und kein Tagblatt vor den Mund nahm:
"In diesem Land bekommen vorzugsweise die Leute vor Gericht Recht, die in der Partei, und zusätzlich von oben protegiert sind."
...Mutter packte uns und das Kindermädchen in einen Opel Admiral und verließ das Reich - und neunzig Prozent ihres Vermögens...
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Am Kantonsrand von Graubünden wurden wir von sechs Schweizer Landjägern verhaftet.
Mutter war wegen Kindesentführung angezeigt worden.
Mein Bruder und ich kamen in das Waisenheim "Plankis" mit Mäusen, Läusen und Flöhen und einem netten Direktor.
Mutter wurde in dem Frauenheim "Quisisana" interniert...
* * *
"Die Ouvertüre zu meinem Liebesleben"
Für Latein-Lektionen hatte Mutter eine Nachhilfe-Lehrerin, Fräulein Heddi Köberli, eingestellt.
Die Mutter gab den Tagesplan bekannt, und Fräulein Köberli hörte mit spitzen Lippen zu: dreimal pro Woche durfte zum Baden gegangen werden, viermal nachmittags in die Pilze - und sonst nichts als Latein.
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Ich war 16 und entdeckte die leicht herben, schönen Züge von Fräulein Köberlis Gesicht - und die sanfte Ebenmäßigkeit ihrer Silhouette. Das war beim genehmigten Baden am Seeufer. Und abends lächelte Eros schon zufrieden - auf einer Waldlichtung.
Dort suchte Heddi, mit verhaltener Inbrunst, im Dämmerlicht nach jedem Sporenträger und, hatte sie einen Steinpilz gefunden, rief sie mich, bückte sich und hob dabei manchmal ein Bein, des Gleichgewichts wegen...
Ich ging wieder etwas mehr auf Distanz, denn neben ihr hätte mir das Beinheben nichts offenbart. Ich brauchte einen flachen Einsichtswinkel. Da trillerte es wieder.
* * *
"Gunti, hier ist was", sie hob das Bein - und ich entdeckte in der Tat etwas mir bis anhin Unbekanntes.
Die zwei folgenden Wochen sind mir unvergeßlich. Das Leben siegte über die tote Sprache und das Latein fand bei Tag und bei Nacht keinen Einlaß zum Schlafgemach.
Doch das Ende des Urlaubs kam, und eines Abends stand Mutter in der Tür.
"Nun, wie war Gunti?", fragte sie beim Abendbrot.
Ich wiegte mich in erhabener Gelassenheit.
"Was soll ich sagen, Frau von Opel, Ihr Sohn war die ersten Tage noch interessiert am Unterricht, aber danach folgte er nur noch mit sehr mäßigem Interesse den Stunden. Ich glaube nicht, dass er mit diesem Mangel an Fleiß die Nachprüfung bestehen wird."
Mutter nickte. Ich kochte.
Trotz des darauffolgenden Donnerwetters habe ich den Glauben an die Frauen nicht verloren - erstaun-
lich.
Aber gerade dieser Verrat des Weibsteufels brachte mir wie im Märchen - eitel Glück. Mutter schickte mich nicht zur Nachprüfung, sondern in eine andere Schule am Genfer See, in die gesellschaftliche Internats-Hochburg der west-
lichen Welt...
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